Termin beim Chef

Heiko Mützelburg,

EEW Special Pipe Constructions Rostock

 

Das Wetter passt zum Rohstoff: Der Himmel ist Stahl-blau. Die Sonne lacht über Rostock. Die Möwen kreischen. Seeluft. Heiko Mützelburg sagt den unausweichlichen Satz: "Ich darf dort arbeiten, wo andere Urlaub machen." Rechte Urlaubsstimmung kommt dennoch nicht auf. Der weiße Strand von Warnemünde ist zwar nah, doch hier im Industriegebiet des Rostocker Hafens sieht es immer nach harter Arbeit aus. Bezeugt von riesigen Stahlrohren, die hier gleich neben der Straße liegen. "Über 8 Meter im Durchmesser und fast 1.000 Tonnen schwer", sagt Geschäftsführer Mützelburg - immer wieder selbst beeindruckt. Auf 180.000 Quadratmetern Lagerfläche warten die geschweißten Giganten auf ihren Einsatz als Fundamente auf hoher See. Dort geben sie Windturbinen festen Halt in rauher Umgebung.

Der Standort der Riesenrohr-Fabrik ist ideal. EEW verfügt über eine angrenzende Pier mit 194 Metern Kailänge und 10 Metern Wassertiefe. Lade- und Löscharbeiten werden hier an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr durchgeführt. Doch eigentlich ist EEW gar kein maritimes Unternehmen - und der Chef kein Nordlicht. Das Firmenkürzel steht für "Erndtebrücker Eisenwerk", gegründet 1936 und seit den 1970ern weltweit führend in der Herstellung von Rohren für Öl und Gas sowie Konstruktionsrohren. Der Name der Muttergesellschaft verweist auf die Heimat des familiengeführten Unternehmens: Erndtebrück liegt im Süden von NRW, an der Grenze zu Hessen, im Kreis Siegen-Wittgenstein. Von dort kommt auch Heiko Mützelburg, seit 2010 Geschäftsführer der EEW-Tochter "EEW Special Pipe Constructions" (EEW SPC). Zwei Jahre zuvor hatten die Rohrspezialisten von EEW ihre Produktion an der Küste aufgenommen. Da war Mützelburg noch Manager einer "Heuschrecke". Aber der Reihe nach.

Vor 40 Jahren wurde Heiko Mützelburg im sauerländischen Winterberg geboren. Fast so lang ist sein Vater schon bei EEW beschäftigt und ist es noch heute - mittlerweile als sein Mitarbeiter. Dabei wollte Mützelburg gar nicht in die Fußstapfen des Seniors treten. Zwar arbeitet er nach Abitur und Bundeswehr für ein halbes Jahr in der Produktion von EEW, fährt Nachtschichten und vermisst Rohre. Aber schließlich geht es doch zum BWL-Studium nach Münster. Erst im letzten von mehreren Praktika findet er Gefallen an einem möglichen Job: die Wirtschaftsprüfung soll es sein. "Das Rausfahren zu den Mandanten, immer neue Kontakte mit Menschen, der kreative Umgang mit den Zahlen, das war was für mich", sagt Mützelburg im Rückblick. Nach dem Abschluss an der Uni Siegen steigt er bei PwC als Prüfer ein. Als der Beratungskonzern seinen Standort schließen will, wechselt er als Controller zu General Electric. Doch er denkt schon weiter. "Eine Karriere lässt sich ja nicht wirklich planen. Aber man kann Voraussetzungen schaffen", sagt er.

Zwei Master neben dem Job

Im Finanzbereich sieht er damals den Posten des CFO als mögliches Ziel und fragt sich: "Was muss ich dafür können?" Er meldet sich zum MBA an, berufsbegleitend. Zwei Jahre lang steht er morgens um 5 Uhr auf und lernt bis halb 8. Danach geht's ins Büro. Ein paar Jahre später wiederholt er diese Strapaze noch einmal und sattelt noch einen "Master of Laws" drauf. " Im Top-Management hat man es schließlich auch mit Rechtsfragen zu tun", sagt Mützelburg. Während des zweiten Masterstudiums wurde er schon Geschäftsführer, war an der Spitze angekommen, hätte also an der Uni abbrechen können. Aber: "Ich bin nicht der Typ, der sowas liegen lässt", sagt er und ergänzt: "Man muss sein Spektrum erweitern." Als wäre eine solche Mehrfachbelastung das Normalste der Welt. Ehrgeiz führt erst durch Disziplin zum Erfolg. Als die GE-Gesellschaft verkauft wird, wechselt Mützelburg erneut. Ein früher zu Ruhrgas gehörender Anbieter von Messsystemen für Gas, Wasser und Strom stellt ihn als Senior Controller ein. Das Unternehmen war eine Private-Equity-Tochter, und der Chef ein Workaholic, sagt Heiko Mützelburg: "Wenn ich mal abends um 9 nach Hause ging, fragte mich mein Vorgesetzter, ob ich nichts zu tun habe."

Heute nennt Mützelburg die Zeit bei den Heuschrecken "eine spannende Erfahrung, die ich jedoch nicht mehr brauche." Die ihn aber geprägt hat und letztendlich doch zurückführte zu der großen Firma in seiner Heimat, dem Arbeitgeber seines Vaters. Als EEW einen Abteilungsleiter fürs Controlling sucht, greift Mützelburg zu: "Es sollte ein Konzernrechnungswesen eingeführt werden. Das habe ich dann übernommen." 2009 war das. Und natürlich war der neue Job eine Umstellung - Familienunternehmen statt Konzern, Tradition, Tarifbindung ... "EEW war eine neue Welt für mich. Aber im Rückblick ist es die bessere", sagt Mützelburg. Er habe in den Konzernen und Private-Equity-Firmen einen oft destruktiven Umgang mit Menschen erlebt. "Da gab's zuhauf Burn-out-Fälle." Auch die starrsinnige Bürokratie in sehr großen Unternehmen gebe es bei EEW nicht. "Das macht hier erheblich mehr Spaß."

Fast über Nacht in den Norden

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Auf dieser Walze werden die dickwandigen Stahlplatten zum Rohr geformt. Fotos: Augustin

Ein Jahr nach seinem Einstieg als Chef des Controllings in der Zentrale fragt man ihn, den damals 34-jährigen, ob er als kaufmännischer Geschäftsführer zu EEW SPC nach Rostock gehen würde. Dort, wo man die Riesenrohre für die Energiewende baut. Der Stützpunkt für einen neuen Markt. "Wachstum" war die Lösung. Jedoch: Mützelburgs Frau ist hochschwanger. Andererseits ist das eine Position, die einem nicht alle Tage angeboten wird... Er überlegt nicht lang. Acht Wochen später sitzt er im damals noch von der Produktion entfernten Büro im Rostocker Hafen. Und Mützelburgs zweiter Sohn kommt schon in Rostock zur Welt.

Mecklenburg-Vorpommern kannte er damals nur aus einem Urlaub. Ausgerechnet seine Hochzeitsreise führte ihn und seine Frau nach Binz und Rostock. Schicksal? "Unsere erste Wohnung, 300 Meter vom Strand entfernt, hat uns den Umzug jedenfalls sehr leicht gemacht", erinnert sich Mützelburg. Im Herbst 2010 zieht sogar Mützelburgs Vater dem Sohn hinterher. Frisch zurück aus Malaysia, wo er für EEW eine neue Fertigung aufgebaut hat, übernimmt er in Rostock die Produktionsleitung. Wie war das, Chef des eigenen Vaters zu sein? "Kein Problem", sagt Mützelburg, wie aus der Pistole geschossen. "Wir haben ein gutes Verhältnis, und am Anfang hier in Rostock hat er mir Zeit, Rückendeckung und Vertrauen geschenkt." Und die Rollen seien klar verteilt - auch wenn sich der Vater mit dem Sohn über Investitionen oder zusätzliche Mitarbeiter abstimmen muss. "Dass er mich vor der Mannschaft nie als Chef in Frage gestellt hat", rechnet Mützelburg seinem "alten Herrn" hoch an. 

Fast fünf Jahre später kann Heiko Mützelburg aus seinem Büro im modernen Neubau auf eine Erfolgsgeschichte blicken: EEW SPC ist Weltmarktführer bei Monopile-Fundamenten für Offshore-Windanlagen. Die Rostocker verfügen über eine Produktionskapazität von 170.000 Tonnen Stahlrohren pro Jahr. 400 Beschäftigte gehören zur Stammbelegschaft, mit Zeitarbeitern sind es 570. Die Maschinen sind hochmodern, die Auftragsbücher voll. Die Fundamente der Offshore-Parks Baltic 1 und 2 in der Ostsee stammen genauso von EEW SPC wie die von "London Array" in der Themse-Mündung ("dem größten Park nach Anzahl der Fundamente", wie Mützelburg erklärt) und "Gwynt y Môr" in der Irischen See ("der größte nach Tonnage"). Und auch den Park "Sandbank" in der Nordsee wird man wieder beliefern. Erst im vergangenen November hat er gemeinsam mit dänischen Partnern einen Hersteller in England übernommen. Mützelburg macht sich wenig Sorgen um seinen Markt - was nicht unbedingt für die deutsche Energiewende gilt. "Wir bürokratisieren und überregulieren uns hier", urteilt der SPC-Chef. "Erstmal machen, wär jetzt wichtig."