Termin beim Chef

Susanne Wiegand,

Nobiskrug - German Naval Yards - Lindenau

 

„Eigentlich geht dieses Geschäft gar nicht.“ Susanne Wiegand fällt ein hartes Urteil über die Rahmenbedingungen des Schiffbaus: instabile Cashflows, Klumpenrisiken aufgrund weniger Kunden, viel gebundenes Kapital, nicht selten in alten Anlagen und Margen im niedrigen einstelligen Bereich – „eigentlich geht das nicht“. Das entscheidende Wort ist „eigentlich“. Denn Susanne Wiegand beweist seit sieben Jahren, dass es doch geht: Schiffe bauen in Deutschland.

Die Hälfte des Geschäfts machen Marineschiffe aus, dann Großyachten, auch Offshore-Plattformen bietet ihr Verbund aus mittlerweile drei Werften in Schleswig-Holstein.

Nobiskrug in Rendsburg hat für seine Superyachten in den letzten fünf Jahren allein fünf Awards gewonnen. German Naval Yards (ehemals HDW Gaarden und ADM Kiel) hat im vergangenen September die Umspannplattform „Baltic 2“ für einen Windpark vor Rügen abgeliefert. Und die jüngste Akquisition, die Lindenau-Werft in Kiel, positioniert sich erfolgreich im Reparaturgeschäft. 1.038 Mitarbeiter werden an den drei Standorten fest beschäftigt. 600 von ihnen kamen neu hinzu. Mehr als eine Verdopplung in fünf Jahren. Und das nach einer Fast-Pleite.

Damals, 2007, ist Nobiskrug im Nachgang des Verkaufs durch ThyssenKrupp knapp an der Insolvenz vorbeigeschrammt. „Susanne Wiegand hat gekämpft wie eine Löwin“, werden Werftarbeiter in Zeitungen zitiert. „Ohne sie gäbe es die Werft nicht mehr“, heißt es. Wiegand selbst nickt bescheiden: „Das mag sein.“ Sie ist die einzige Frau an der Spitze einer deutschen Werft. Eine Managerin mit der seltenen Kombination aus scharfer Analytik und Lockerheit, auch Humor. Wer ihr zuhört, muss allerdings hochkonzentriert sein. Susanne Wiegand spricht nach dem Prinzip „more facts, less time“. Als sie kürzlich Taxi fuhr und dabei telefonierte, hat sie der Taxifahrer danach gefragt: „Meinen Sie, der Mensch am anderen Ende der Leitung hat das jetzt alles verstanden?“. Wiegand muss lachen.

Seit 2007 führt sie die Nobiskrug-Werft in Rendsburg gemeinsam mit Holger Kahl, den sie im vorherigen Job bei ThyssenKrupp Marine Systems kennengelernt hat. Als die beiden die Büros ihrer entlassenen Vorgänger bezogen, haben sie erstmal die Wand dazwischen durchbrochen und eine Glastür eingebaut. „Ich arbeite gern in einem Team“, sagt Wiegand.

Die Jahre in der Unternehmensberatung haben sie geprägt. Nach dem BWL-Studium in Frankfurt fängt sie bei der mittelständischen Consultingfirma Diebold an, die später Teil von Daimler wird. Sie berät in der Automobil-, Pharma- und Chemieindustrie. Nach einem weiteren Verkauf an die Telekom entscheidet sich Wiegand für die Selbstständigkeit, berät Fresenius, Daimler, schließlich auch ThyssenKrupp. Bei deren Tochter Blohm + Voss steht 2005 der Erwerb von HDW Kiel an. Wiegand hat bereits M&A-Erfahrung. Sie übernimmt das Projekt und kommt nach Hamburg. Es entsteht die ThyssenKrupp Marine Systems AG – Teil einer Konsolidierungsstrategie in der Wehrtechnik. Nobiskrug wurde von HDW mit in diese Firmen-Ehe gebracht. Dann, 2007, entdeckt die Konzernführung ein Millionen-Minus in der Rendsburger Werft und schickt Susanne Wiegand – damals Mitte 30 – in ihr erstes Himmelfahrtskommando.

„Was ich hier vorfand, war eine Vollkatastrophe. 80 Prozent der Fertigungsstunden steckten in der Reparatur und in Nebengeschäften statt im Neubau.“ Prozesse waren nicht definiert und die Buchhaltung hat mit uralten DOS-Programmen gearbeitet.

Auch das antike Holz-Stehlpult in ihrem Büro stammt aus dieser Zeit. Sie hat es stehenlassen. „Das ist noch von meinem Vorgänger. Und eine von den beiden Schubladen geht gar nicht auf.“ Die Muße, einen Tischler mal nachsehen zu lassen, hatte sie in den letzten sieben Jahren nicht.

Wiegand trat damals die „Flucht nach vorne“ an, wie sie es nennt. Konzipiert eine Restrukturierung. Doch ThyssenKrupp will verkaufen. Für Susanne Wiegand folgt ein Drahtseilakt zwischen Konzern, Investoren, Banken, Politik und Betriebsrat. „Ich musste jeden Tag mit Abberufung rechnen und hatte den Insolvenzantrag immer in der Handtasche“, erinnert sie sich. Schließlich findet sie einen neuen Gesellschafter.

Flucht nach vorn

Sie hat aus Nobiskrug, gegründet 1905, wieder ein Familienunternehmen gemacht. Die Werft gehört zur Privinvest-Gruppe mit Sitz im Libanon und in Abu Dhabi. Inhaber ist Iskandar Safa, ein im Libanon geborener und in Frankreich lebender Geschäftsmann. Auch die zwei Kieler Werften hat er seinem Portfolio hinzugefügt. 100 Millionen Euro hat Safa investiert. An allen drei Standorten führen Susanne Wiegand und Holger Kahl die Geschäfte. Was viele Branchenkenner früher für unmöglich hielten, haben die beiden geschafft: unterschiedliche Werften mit jeweils eigener Historie und viel Selbstbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes „zusammenzuschweißen“. Das Ergebnis: Neue Flexibilität und Kundenorientierung. Der jüngste Reparaturauftrag, das Forschungsschiff „Poseidon“ sei ein gutes Beispiel, sagt Susanne Wiegand: „Der Auftrag ging bei Lindenau ein, aber der Kunde wünschte eine witterungsgeschützte Reparatur. Deshalb haben wir bei Nobiskrug eingedockt.“

In den nächsten Monaten will Wiegand die drei Werften noch stärker unter der Dachmarke „German Naval Yards“ zusammenführen. „Es geht um das Verändern von Unternehmenskultur. Das braucht Zeit. Börsennotierte Konzerne haben diese Zeit nicht. Familienunternehmen schon“, erläutert Wiegand. Natürlich interessiere sich ihr Gesellschafter auch für Quartalszahlen, aber halt auch für den Zehn-Jahres-Plan. „Das ist toll.“

Mittlerweile hat Nobiskrug wieder Oberwasser. Das Auftragsbuch hat einen Wert von 700 Millionen Euro. „Gestern haben unsere Mitarbeiter in Abu Dhabi ein Schiff übergeben und mir eine Mail geschickt – mit dem Foto des unterschriebenen Protokolls.“ Das sind die Momente, wo sie ihren Mit-Geschäftsführer abklatscht. Zugegeben, der Offshore-Bereich sei zurzeit etwas schwierig. „Das liegt aber weder an der Beherrschung der Technologie noch an der Regulierung“, betont Wiegand. Das Problem sei das Verhalten der großen Player. Die juristischen Muskelspiele zwischen Energieversorgern und Generalunternehmern würden die Energiewende blockieren.

Klare Ansagen. Die sind auch wichtig im Betrieb – werden sogar von ihr verlangt. Auch das musste sie lernen: „Ich mag Arbeit unter Gleichgesinnten, aber eine Werft verlangt mehr Hierarchie, als ich mir das manchmal wünsche.“

Tarif ist in Ordnung

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Führung zeigen – das tut sie. Auch durch Wertschätzung. Sie betont das gute Verhältnis zum Betriebsrat. Und sie lobt die Arbeit ihrer Mitarbeiter. „Die sind uns treu, obwohl wir eine so schwankende Industrie sind, in der es mal Wochenendschichten und dann wieder Kurzarbeit gibt“, erklärt Wiegand. Die gute Bezahlung ihrer Belegschaft, die Mitgliedschaft der Werften im Tarifverband, sei in Ordnung: „Leistung und Loyalität haben ihren Preis.“

Die Chefin schaut auf die Uhr: 5 Minuten noch bis zur Boardsitzung. Susanne Wiegand ist durchgetaktet. Aber nicht gestresst. Auch dass sie privat in der Nähe von Stuttgart wohnt und jedes Wochenende quer durch die Republik pendelt, ist für sie kein Problem: „Ich liebe den Schwarzwald.“ Dort findet sie Entspannung, beim Spazieren, auch beim Joggen. Schon ihre Jugend hat sie im Grünen verbracht, damals war es der Taunus. Doch montags freut sie sich auch wieder auf den Norden, die See, ihre Schiffe. Sie ist überzeugt: Den deutschen Schiffbau gebe es doch nur noch, weil die Produkte in Menschen so eine außerordentliche Identifikation und Leidenschaft auslösen würden. „Bei Neubauten geben unsere Leute jedem Raum an Bord einen Namen.“ Und wenn ausgedockt werde, hätten nicht wenige Tränen in den Augen. „Wer zu Schiffen keine emotionale Verbindung hat“, sagt Susanne Wiegand, „der ist tot.“